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"Der Fluch" von Nay Win Myint

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Damit wurde dieser Experte aus Kokochin richtig berühmt. Wann immer etwas vorfiel, wurde der Betroffene nunmehr ruck-zuck auf einen Ochsenkarren gepackt und sofort zu ihm nach Kokochin gebracht. Ob es nun wahr ist oder nicht, weiß ich auch nicht. Aber einige behaupteten, Tante Mai Gyote sei nicht bloß eine einfache Hexe. Eine Kaway, eine böse Zauberin mit weit größeren Kräften, sei sie. Sie habe den ersten Regen mit einem Steinguttopf aufgefangen, vier, fünf Halme trockenes Schilf geknickt und hineingegeben, die dann als Garnelen zum Leben erwacht und darin herumgeschwommen seien, berichtete jemand, der es gesehen haben wollte. Und dann hatte auch der Le’pan Baum in der Nähe ihres Hauses seine Geschichte. Niemals war er ohne Vögel. Vögel aller Arten ließen sich auf ihm nieder und abends dröhnte es nur so von ihrem Gezwitscher, Geschnatter und Gekrächze. Auch Schleiereulen, braune Fischuhus und Geier seien dabei, hieß es. Manche Leute aus dem Dorf behaupteten, dass Tante Mai Gyote manchmal selbst die Gestalt wechsle, um sich als Geier in der Krone des Baumes niederzulassen.
Deshalb traute sich niemand in die Nähe der Hütte von Tante Mai Gyote, in der nachts niemals Licht brannte. War es nicht so, dass man sie niemals die üblichen buddhistischen Verse rezitieren hörte, mit denen man religiöse Verdienste teilt und der Welt sein Wohlwollen entgegen sendet, oder dass sie nie den dreieckigen Bronzegong schlug, mit dem man eine buddhistische Andacht einleitet?

Einmal hörte ich abends, wie meine Tante leise mit meiner Mutter sprach, weil sie wohl dachte, dass wir Kinder schliefen. Aber wir hörten es trotzdem. Heute morgen auf dem Markt sei es passiert, sagte sie. Sie hatte wie immer ihren Stand aufgebaut und die Waren ausgebreitet. Von Salay sei eine Gruppe Zauberkünstler gekommen und hätte auf dem Markt Zauberkunststücke vorgeführt. Da sie am Eingang des Marktes standen, sammelten sich schnell viele Leute um sie.
Der große Meister war noch nicht aufgetreten, und nur seine Schüler hatten begonnen, zu Musik ihre Kunststücke vorzuführen. Sie hatten Schan-Kleidung an und sprachen mit dem typischen Akzent der Angehörigen des Schan-Volkes. Aus einem Korb holten sie Kettenvipern. Vier Stück gleich. Jede so dick wie der Knüppel, mit dem wir die Wäsche beim Waschen klopfen. Als dann eine Nummer kam, bei dem sich jemand von der Schlange beißen lassen sollte, um dann an ihm das zu verkaufende Gegengift zu demonstrieren, schoben alle den Herrn Hla Maung aus Thargara vor in die Mitte des Kreises. Der hatte auch keine Angst davor.
Die Viper schoss vor und biss ihn. Das Blut, das aus der Bisswunde trat, sah schlimm aus. Kurz darauf wurde ihm schwindlig und während man noch dabei war, einen Ochsenkarren aufzutreiben, der ihn ins Krankenhaus nach Magwe bringen sollte, starb er. Währenddessen hatte in einer Ecke des Marktes Tante Mai Gyote im Schatten eines Baumes gesessen und sich „ausgeruht, weil sie erschöpft war“. Man will gesehen haben, dass sie nach kurzer Zeit ihre Slipper mit der dünn gelaufenen Holzsohle auszog und verkehrt herum in einander steckte. Aus ihrem Mund wollte man die Worte: „Wer hat gesagt, dass ihr in mein Dorf kommen und mich herausfordern dürft?“, murmeln gehört haben

 

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