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"Der Fluch" von Nay Win Myint

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Meine Tante erzählte dies mit zitternder Stimme. „Ob Tante Mai Gyote etwa weiß, dass ich dir dies erzähle?“ „Puh“, atmete Mutter hörbar aus. Nach kurzer Zeit flüsterte sie: „Behalt das nur für dich! Das ist ja grauenhaft!“ Weiter hörte ich, wie Mutter sagte, dass sie, als sie spät nachts auf dem Heimweg von der Andacht im Vorbeigehen zum Haus von Tante Mai Gyote hinübergesehen hatte, bemerkte, wie diese ohne Bluse mit über die Brust hochgezogenem Htamein auf der Plattform stand. Und die Ellbogen habe sie so bewegt wie ein Geier mit den Flügeln schlägt. Sie aber habe Mutter, die auf der Straße vorbeiging, nicht einmal wahrgenommen.
Meine Tante sagte: „Hör bloß auf. Ich gehe mich noch eben vor dem Buddha verbeugen.“, und stand auf. Auch Mutter nahm eine Kette Gebetsperlen vom Pfosten.
Als am nächsten Tante Mai Gyote zum Moun Le’hsaung-Trinken kam, erzählte Mutter ihr, dass sie nachts nach der Andacht noch an ihrem Haus vorbeigekommen sei. „Letzte Nacht? Da war ich nicht zu Hause“, erwiderte Tante Mai Gyote. „Es war doch Vollmond, nicht wahr?“ Die Gesichter von Mutter und meiner Tante schienen plötzlich blutleer. Zwar fürchtete das ganze Dorf Tante Mai Gyote, die dick mit Thanakha eingerieben und mit ihrem „Betelnussdutt“ von Haus zu Haus kreuz und quer durch das Dorf wanderte. Aber Mutter und meine Tante fürchteten sie mehr als alle anderen. Und wie viel mehr…! Kein Wunder, diese Frau verbrachte ja auch fast täglich die Hälfte des Tages damit, in unserem Haus zu sitzen.

Nachdem er Frau Saw Hla geheilt hatte, kam der Experte aus Kokochin immer häufiger in unser Dorf. Einige waren richtig erleichtert, dass er bald alle drei, vier Tage mit dem Fahrrad aus Kokochin angefahren kam. Wenn man vermutete, dass irgendetwas mit Hexerei zu tun habe, musste er kommen. Und dieser Experte verfüge über nicht geringe Macht, hieß es. Er könne nicht nur mit Hexerei umgehen, sondern kenne sich auch mit Kräutermedizin aus. Einige heilte er mit Wasser, über dem er vorher Mantras rezitierte. Andere mit einem Amulett. Andere mit lediglich vier, fünf Stichen eines mit Mantras aufgeladenen, spitzen Kupferstabes. Wieder andere, indem er den sich den auslösenden Gegenstand übergeben ließ. So heilte er, hieß es. Wenn nach Sonnenuntergang ein Pferdewagen aus dem Dorf herausfuhr, dann war sicher, dass er den Experten, den Saya aus Kokochin, holte. Der kam auch häufig mit seinem Fahrrad ins Dorf. Alle mochten ihn. Jeder, der ihn auf der Straße traf, grüßte ihn freundlich mit Saya, und der Saya lächelte stets freundlich zurück. So freundete er sich auch von Tag zu Tag mehr mit Mutter an.

Immer wenn er ins Dorf kam, lehnte er sein Fahrrad an den Tamarindenbaum vor unserem Haus, um auf einen Tee hereinzuschauen. Dann sprachen sie über alles Mögliche. Seine Erfahrungen beim Heilen, Mittel und Techniken des Heilens, und wie er mit seinem Wissen schon gegen alle möglichen Hexen habe antreten müssen.
Und wenn er gegen sie antrat, trug am Ende immer er den Sieg davon. Dass er schon mal unterlegen wäre, kam in seinen Erzählungen nicht vor. Dafür aber, wie viele Hexen vor seiner Macht hatten aufgeben und ihm ihr Wissen opfern mussten. Die Versöhnung mit erzürnten Familiengeistern, Verhindern, dass ein Kind, das in Wahrheit ein nur für kurze Zeit in die Welt der Menschen geborener Geist war, wieder in die Welt der Geister zurückgerufen würde und sterben müsste, das Abwehren von Angriffen von Hexen, Nats und Geistern, den Auswirkungen von magischen Quadraten, Zauberei und dunkeln Gestirnen bis hin zum Austreiben von bösen Geistern, die in tote Menschenkörpern einfahren – all das beherrschte er. An jenem Tag erzählte er auch viel und trank dabei vier, fünf Tassen Tee, um dann weiter in Richtung Markt zu gehen. Als am Nachmittag Tante Mai Gyote kam, wirkte ihr Gesicht verärgert. Als Mutter und meine Tante das sahen, verdüsterten sich auch ihr Gesichter.
„Heute Vormittag war dieser Kerl, der „Kokochin Saya“ bei euch, stimmts?“
„Ja, Tante Mai Gyote.“
„Und was wollte der Kerl?“
„Oh, nichts Besonderes. Ist nur so vorbeigekommen.“
„Saya nennen sie ihn. So was Würdeloses wie den… Glaubt ihr etwa an ihn?“
„Ach nein, Tante, natürlich nicht. Warum fragst du?“
„Ich kann ihn nicht ausstehen. Hat kaum Ahnung, ist aber eingebildet wie nur was“, sagte Tante Mai Gyote, während sie den wie üblich für sie zubereiteten Teesalat kaute. Ihr dunkelhäutiges, pockennarbiges Gesicht, von dem zusammen mit den Schweißtropfen die helle Thanakha-Paste herunterlief, sah gescheckt aus, als hätte man die rußgeschwärzte Unterseite eines Kochtopfes mit Kalk bestreut. Mutter und Tante hockten wie üblich kleinlaut neben ihr.
„He, Hla Khin, etwas unangenehm ist’s mir ja schon. Aber das Kokosöl, das dein Mann geschickt hat, ist wirklich gut. Füll’ mir doch noch etwas in eine Flasche. Ich möchte mir damit die Haare einreiben.“
„Kein Problem, Tante Mai Gyote. Das duftet ja auch so gut, nicht wahr?“ Während Mutter etwas von ihrem Öl in eine leere Flasche goss, füllte meine Tante ihr von unserem Essen in ein Gefäß mit den Worten, „…weil ich möchte, dass Sie davon essen“. Erst jetzt erhellte sich Tante Mai Gyotes Gesicht wieder und strahlte. Kurz darauf machte sie sich auf den Heimweg. Onkel Khin, der Mann meiner Tante, kam mit einem Ochsenkarren voller gerodeter Kichererbsenpflanzen und spürbarer Alkoholfahne nach Hause. Außerdem war er sehr wütend. Er stieg vom Karren und nahm sich nicht einmal die Zeit, zuerst die Ochsen auszuspannen.

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