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"Der Notfall" von Gyo Zaw

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Für die große Prüfung würde sie sich noch ausruhen. Bei der schriftlichen Prüfung blamierte man sich nicht, auch wenn man nicht antworten konnte. Am peinlichsten wäre es ihr, wenn sie vor den prüfenden Lehrern herumstottern müsste, um schließlich unter Tränen: „Äh…äh… ich weiß es nicht mehr, Herr Lehrer“ herauszubringen. Deshalb las sie die ganze Nacht, lernte auswendig. Der Schädel in ihrer Hand drehte sich um und um, und auch ihr Kopf tat das. Das Tablett mit Horlicks, Kräckern und dem Ei stand unangerührt da, wie ihre Mutter es abgestellt hatte. Sie setzte versuchsweise die Tasse mit dem kalten Horlicks, auf dem sich eine Haut gebildet hatte, an die Lippen. Schlagartig wurde ihr übel. Oh nein. – Sie stand auf, und kippte ihn aus dem Fenster. Wenn Mama fragen würde – klar hatte sie den getrunken. Auch einen Kräcker nahm sie und warf ihn so weit wie möglich aus dem Fenster. Damit es besser aussah. Als ihre Mutter wieder ins Zimmer kam, ergriff Htet Htet die Initiative.
„Mama, der Horlicks war aber auch ein dickflüssiger Schleim.“ „Na, nur so kommst du doch zu Kräften.“ Htet Htets Mutter betrachtete die leere Tasse und den Teller, auf dem ein Kräcker fehlte, und war zufrieden. „Nun mach aber wenigstens noch ein Nickerchen, mein Schatz.“
Htet Htet versuchte sich hinzulegen, konnte aber nicht einschlafen. Je näher der Morgen rückte, desto mehr glühte es in ihrem Kopf. Sie überlegte, zur Ablenkung ihre Freundin Mi Tu anzurufen. Sie würde ihr die Witze erzählen, die Zargana am Abend im Fernsehen erzählt hatte, und mit Mi Tu zusammen darüber lachen. Mi Tu konnte so herzhaft lachen. Und da sie auch lernen musste, hatte sie bestimmt nicht ferngesehen, da war sich Htet Htet sicher. Aber wenn Mi Tu schliefe, würde sie sie ja wecken, dachte Htet Htet weiter und rief nicht an.
Die ganze Nacht, bis es morgens hell wurde, sah sie sich wieder und wieder ihren Lernstoff an. Aber es war, als ob man mit einem Korb Wasser schöpfen würde – es blieb nichts davon übrig. Als sie sich morgens fertig machte, um zur Hochschule zu gehen, brannten ihre Augen vor Müdigkeit, und ihr Kopf war wie benebelt.

Obwohl seit dem großen Feuer schon über zwei Jahre vergangen waren, war die verbrannte Erde noch nicht wieder von Pflanzen und Gebäuden beschattet. Es gab keine Bäume, keine Blumen. Einige wild zusammengebaute Häuser und einige, die noch in Bau waren, sahen weniger aus wie solide Wohnhäuser denn wie eine Ansammlung von Grüften auf dem Friedhof.
Die Zeit nach dem Mittagessen, wenn von oben die Sonne brannte und die Erde glühend heiß war, fürchtete Htay Htay am meisten. Nur gut, dass sie jetzt keine Ziegel mehr schleppen musste. Nur noch Mörtel. Die Ziegel waren inzwischen in der Sonne so heiß geworden, dass es zischte und Dampf aufstieg, wenn man Wasser darauf goss.
„Htay Htay, geh schon!“
Ihr Mann hatte ihr merklich weniger Mörtel in die Schüssel getan. Htay Htay war nicht wohl dabei. Hatte nicht vorhin schon Maurer Htein so seltsam geguckt, als ob er sagen wollte: „Warum ist denn die nicht voll?“.

„Mach voll!“ „Ist doch voll. Lass’ gut sein.“ Taik Maung tat seine Frau Leid. Unter den kritischen Blicken von San Ma setzte sie die Mörtelschüssel auf ihren Kopf. „He, Taik Maung. In meiner Reisdose ist auch ein Löffel”, sagte San Ma. „Ja, und?“, fragte Taik Maung, der in seiner Schlichtheit den spöttischen Ton von San Ma nicht mitgekriegt hatte. „Na, füll doch Htay Htay das nächste Mal den Mörtel mit dem Löffel in ihre Schüssel.“ Ruckartig blieb Htay Htay stehen und sah San Ma an. „Oh…ist mir schwindlig…!“ Htay Htay wusste nicht, wie ihr geschah. Plötzlich war ihr ganz schwindlig und schwarz vor Augen. Die Umrisse von Taik Maung und San Ma verschwammen, wurden wieder klar und verschwammen wieder. Der Boden unter ihren Füßen begann sich zu drehen und wellenförmig zu heben und zu senken. Obwohl sie mit aller Kraft versuchte, den Brechreiz zu unterdrücken, erbrach sie plötzlich bittere Flüssigkeit. „Hah, Htay Htay …“ hörte sie noch Taik Maung erstaunt rufen. Dann spürte sie gar nichts mehr.

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