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"Die Nacht im Kanal" von Zeyya Linn

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„Wenn dann wieder mal eine Kuh in den Kanal fällt, kann ich sie selbst wieder herausziehen.“
„Gleich wird dein Vater kommen und schimpfen, dass du nicht deine Hausaufgaben machst.“
In dem Augenblick ertönte wieder ein ganz langes „Muuuuhh“.
„Mama, kann man da denn gar nichts machen?“
Mutter seufzte. Sie schimpfte nicht mehr, dass er auf das Ende des Bleistifts biss. Sie zog den Stift nur sanft zwischen seinen Zähnen heraus. Er wollte in Mutters Armen liegen und von ihr den Kopf gestreichelt bekommen. Als sie den Vater im Vorderzimmer aufstehen hörte, tippte Mutter ein paar Mal mit dem Zeigefinger auf das Buch.
In jenem kleinen Wäldchen würden sie sich Rehe halten. Für Mutter würden sie ganz viele verschiedene Blumen pflanzen. Er würde ein tapferer, erwachsener Mann mit Riesenkräften sein. Vater wäre zu der Zeit schon ein hutzliger Greis. Würde ihm dann beim Sprechen der Speichel aus dem Mund laufen wie Opa? Wenn der ankam und ihn in den Arm nehmen wollte, lief er weg. Opa roch nicht besonders gut. Man könnte auch sagen, er stank. Ach du jeh… Vaters Schatten war schon unterm Vorhang zu sehen.
„Einmal zwei ist zwei, zweimal zwei ist vier, dreimal zwei ist sechs…“
Es regnete. Man hörte den Regen auf dem Dach. Er versuchte wieder einzuschlafen, als ihm die Kuh im Kanal einfiel. Bei dem Regen würde Wasser in den Kanal strömen. Und die Kuh würde ertrinken. Ihm war zum Weinen zumute. Neben den Geräuschen des Regens gab es auch die des Windes. Man konnte hören, wie der Sturm die Palmenwedel von nebenan immer wieder gegen das Dach schlug.
Er wollte zur Mutter ins Bett gehen. Nicht dass er Angst vor dem Regen hatte. Er war tapfer. Das ganze Haus war dunkel. Und Mutter schlief schon.
„Muuuhh“.
Inmitten des Unwetters konnte er ganz deutlich das Blöken vernehmen. Nun würde die Kuh wohl ertrinken. Kühe konnten nicht schwimmen. Außerdem hatte sie sich die Beine gebrochen. Sie würde sicher bald umkommen. Er wollte zur Mutter. Er presste sich ein Kissen über den Kopf und kniff die Augen zusammen. Er hörte das Klopfen der Regentropfen auf dem Dach. Das Licht der Straßenlaterne fiel ins Zimmer. Obwohl das Fenster geschlossen war, bewegte sich das Moskitonetz zuweilen. Er hörte die Palmenwedel gegen das Dach klatschen.

„Muuuhh“.
Er wollte nachsehen gehen. Aber er traute sich nicht richtig. Die Kuh tat ihm Leid. Bald wäre er erwachsen. Sogar Muskeln hatte er schon. Und schwimmen würde er auch bald können. Dann würde er im Wasser wie ein riesengroßer Walfisch sein. Er wollte nachsehen gehen.
Er richtete sich auf, ohne ein Geräusch zu machen, rieb sich die Augen. hob das Moskitonetz ein wenig an und kletterte aus dem Bett. Mit leisen Schritten verließ er das Zimmer. Das Schlafzimmer der Eltern war auch dunkel. Er ging ins Vorderzimmer. Da das Licht der Straßenlaternen ins Vorderzimmer fiel, konnte er im Dunkeln den Tisch, den Stuhl und den Liegestuhl ausmachen. Die Tür zur Veranda war verschlossen.
Als er noch einmal das Blöken der Kuh hörte, wollte er schnell hinrennen und nachsehen. Die Verandatür konnte er nicht öffnen. Sie war oben mit einem Riegel zugemacht, an den er nicht rankam. Aber an den Fensterriegel kam er. Er schob den Riegel sacht hoch und drückte das Fenster langsam auf.

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