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"Sehnsucht" von Maung San Win (Bhamo)

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Ich erinnere mich an das Jahr, als ich die achte Klasse mit drei Einsen abgeschlossen hatte. Vater verkaufte eine Wasserbüffelkuh und ihr Kalb, um ein Fahrrad für mich kaufen zu können. „Streng dich weiter an, damit du auf das College oder die Universität gehen kannst! Wir treiben schon genug Geld auf, und wenn es knapp wird, leihen wir uns eben was; für dich versetzen wir Berge, wenn es sein muss.“ Vaters Worte trieben mich an. Seine Schweißtropfen wirkten auf mich wie ein Tonikum.
„In unserer Familie bist du der einzige Begabte. Inzwischen helfen mir deine beiden Brüder bei der Arbeit. Mach dir keine Sorgen um die Familie! Streng dich nur weiter in der Schule an. Und interessiere dich nicht zu sehr für die Mädchen. Wenn du eines Tages zu den Gebildeten gehörst, ein richtiger Beamter bist, kannst du jede haben, bei der du nur anklopfst.“ So schlicht ermahnte Vater mich, als ich in die Pubertät kam. Niemals war er wirklich wütend auf mich, nie grollte er mit mir. Manchmal, wenn ich wirklich etwas angestellt hatte, deckte er mich liebevoll.
Wenn ich Geld brauchte, gab mir ein Markthändler soviel ich erbat und ließ es sich im Dorf dann von meinen Eltern zurückzahlen. Als sie in finanziellen Schwierigkeiten waren, verkauften sie still und leise etwas von Mutters Goldschmuck, damit ich genug zu essen hatte, Kleidung kaufen und mir einen Lebensstil leisten konnte, der dem Niveau meiner Mitschüler entsprach.

Die Zeit verging schnell. Als ich mein Studium abschloss, war das Haus meines Vaters so heruntergekommen, dass sich nicht mal mehr die Warane trauten, darauf zu klettern. Wenn auch das Geld ausging und er bis zur Erschöpfung arbeitete, so schienen meine Erfolge Vater glücklich zu machen. Da in unserem Dorf Menschen mit Universitätsabschluss rarer noch als Gold waren, nahm ich es Vater nicht übel, dass er sich meiner rühmte.

„Mein Sohn, der hat jetzt einen Universitätsabschluss. Passt auf,bald ist er Beamter!“ Mein Vater, der sein Lebtag lang als einfacherBauer lebte, dachte sich wohl, ich hätte es jetzt geschafft und kämeganz groß raus. Der Arme wusste ja nicht, dass es in der StadtUniversitätsabsolventen ohne Ende gab. Dass es noch ganz andererDinge bedurfte, um Beamter zu werden, als nur eines Universitätsabschlusses,wusste er auch nicht. Ich brachte es nicht übersHerz, ihm von diesen Dingen zu erzählen. Sie kamen mir einfachnicht über die Lippen. Vater war verarmt und erschöpft. Ich hattezwar vieles von meinen Eltern erhalten, war aber nicht in der Lage,ihnen etwas zurückzugeben. Kurz gesagt, damit ich mit meinemgewöhnlichen, kleinen Universitätsabschluss eine Arbeit bekommenkonnte, mussten wir das Land opfern, das Vater eigenhändig urbargemacht hatte. Vater verpfändete es nach dem folgendemSystem: Wenn er das Geld vollständig zurückzahlte, würde er dasLand vollständig zurückerhalten. Je mehr Geld er nicht zurückzahlenkonnte, desto mehr Land ging in den Besitz des Geldgebersüber und konnte von ihm bewirtschaftet werden.„Das ist schon in Ordnung, wenn wir ein, zwei Monsunzeiten dasLand nicht bewirtschaften können. Das Wichtigste ist doch, dass dueine Stelle als Beamter bekommst. Dann kann ich mich endlich vonder Landwirtschaft zur Ruhe setzen,“ tröstete Vater mich. Das Letzte,was ihm blieb, war das Lächeln auf seinen Lippen, wenn er mir soMut machte. Als er mich schließlich in einer kleinen Position sah,die nach Beamtentum klang, wird sich in seinem Herzen die Sorgemit Freude gemischt haben.

 

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