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"Yurou tu thaun-sin" von Min Lu

„Weil sich die Erde bei ihnen langsamer dreht?“ Gyi Ngway geriet durcheinander.
„Das hat was mit den Längengraden zu tun.“ Als Hla Htone plötzlich sagte: „Na, auf diesen Graden möchte ich nicht unterwegs sein, das ist ja peinlich“, fragte Gyi Ngway zurück:
„Und was hat das damit zu tun?“
Hla Htone: „Der Name longyi-kyu’, „der Longyi rutscht“ ist doch nicht gut.“
„Was?? Was willst du denn? Nicht Longyi-kyu’, sondern longitude, Längengrad!“, wehrte Kyaw Kunt ab.
Da meinte Shein: „Was ist mit diesen Graden? Ich denke, das ist so wie mit den Dämmen zwischen den Reisfeldern.“
Herr Ho Pway machte auf wichtig: „Ha, wenn du was von Dämmen sagst, die spült der Regen doch gleich weg. Die Dinger hier sind für lange Zeit gebaut, schön fest mit Ziegeln und Zement.“
Pway: „Ja, da war mal in einer Zeitschrift eine Weltkarte. Da waren Linien drauf. Wenn man die langen Linien gleichmäßig auf der ganzen Welt verteilen wollte, wäre das ’ne Menge Arbeit.“
Shein blieb dabei: „Wenn ich im Lotto gewinne, fahre ich mal zu so einem Längengrad, stelle mich in Positur und mache ein Erinnerungsfoto.“
Gyi Ngway schüttelte resigniert den Kopf: „Was wollt ihr bloß alle? Diese Linien gibt’s doch in Wirklichkeit gar nicht.“
„Wie, hast du uns also veräppelt?“
„Seht mal, der hat uns verarscht!“
„Ach, das ist schwierig. Die gibt’s schon… Äh, aber nicht in Wirklichkeit. Die sind nur geistig gezogen und festgelegt worden.“
„Och, das ist Klasse. Wer hat die denn gezogen?“
„Um die Zeitzonen festzulegen, so!“
Da schlug es Mitternacht aus dem Wachhaus. Gyi Ngways Längengrade interessierten niemanden mehr.
„Mensch, es ist 24.00 Uhr!“
Alle rannten zum Videoladen: „Kein guter Platz, aber egal, setz dich.“
Die Frauen blieben in Pa Tays Le’pe’yei-hsain und starrten auf den Schwarzweißfernseher.

Um 0:15 Uhr fiel plötzlich der Strom aus. Alle waren enttäuscht und sagten: „Ausgerechnet jetzt!“ Dabei war es gar kein echter Stromausfall. Es schien am Kabel zu liegen. Zehn Minuten später war der Strom wieder da und die Leute glücklich. Das Finale war ganz gut. Es wurde mit vollem Einsatz gespielt.Weil Italien das erste Tor schoss, waren alle guten Mutes. Je näher das Spielende rückte, desto aufgeregter wurden sie, desto lauter pochten die Herzen. Die Zeit verrann. Als alles zu Ende schien und nur noch Sekunden zu spielen waren, erzielten die Franzosen unerwartet den Ausgleich. Die Zuschauer gerieten in helle Aufregung.
In der Nachspielzeit kamen die Franzosen stärker auf, erzielten den entscheidenden Treffer und wurden Sieger. Die Zuschauer, die gesehen hatten, wie sich das Ergebnis im letzten Augenblick gedreht hatte, zeigten ihre Enttäuschung offen. Weil Hla Htone Mitleid mit dem italienischen Torwart hatte und schluchzend weinte, tröstete Kyaw Kunt sie. So ging das Fußballturnier namens Euro 2000 erfolgreich zu Ende.
Aber „Yurou tu thaun-sin“ war damit noch nicht vorbei. Beim Friseur, an den Imbissständen und am Arbeitsplatz wurde noch zweieinhalb Wochen später über das Turnier, die Spieler und die Aktionen endlos diskutiert. Herrn Kala wurde die Sache leid. Er stellte fest: „Nun ist aber langsam gut. Ist das Verwandtschaft von euch, dass ihr euch so damit beschäftigt? Sind das eure Schwäger?“ Wie auch immer – die Fußballfans wollten unermüdlich über das Turnier reden. Am Jahresende, wenn der Tiger-Cup stattfindet, werden mit Sicherheit viele auftauchen, die mit den myanmarischen Fußballspielern verschwägert sein möchten! …

 

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