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Typisch israelisch!



Jerusalem © walkerssk-pixabay.com
Jerusalem, das kulturelle und religiöse Zentrum von Israel © walkerssk-pixabay.com

Was ist typisch israelisch? *

Ich stehe mit meinem Mietwagen in Israel an einer Ampel, die eindeutig Rot zeigt. Aber hinter mir geht ein Hupkonzert los. Habe ich etwas falsch gemacht? Ich bin schließlich zum ersten Mal in diesem Land. Die Erklärung lieferte mir später ein israelischer Freund. In Israel, so sagte er, ist der Schall eben schneller als das Licht. Überhaupt sagen israelische Witze mehr über dieses Land, als der beste Beobachter es kann: Wenn drei Israelis zusammenstehen, so heißt es zum Beispiel, kann man vier verschiedene Meinungen hören.

Vielleicht ist dies ja ein Ausdruck der jüdischen Streitkultur, von der schon die hebräische Bibel berichtet, da haben die Juden sogar mit Gott gestritten. Im Judentum gibt es keinen Papst, der bestimmt, wo es langgeht. Berühmt sind die überlieferten Streitgespräche der mittelalterlichen Rabbiner, die die Bibeltexte auslegten, und auch heute noch konkurrieren die Ansichten der verschiedenen Schulen des Judentums.

Ein weiteres Merkmal eines echten Israeli, außer seiner Lust an Diskussionen, ist seine Improvisationsgabe. In der jüdischen Altstadt von Jerusalem soll es, so hat man mir erzählt, sogar ein Amt geben, wo Lösungen für Unlösbares gefunden werden: Lösungen, die es frommen Juden erlauben, trotz der vielen Tätigkeiten, die am Schabbat verboten sind, auch am Schabbat Notwendiges zu tun, ohne die Gesetze der Halacha zu verletzen. Etwa, wenn es darum geht, eine selbsttätige Melkmaschine zu entwerfen und zu bauen, die am Schabbat, wo jegliche Arbeit verboten ist, die Kühe melkt. Oder einen Schabbatfahrstuhl einzurichten, der am Schabbat in jedem Stockwerk eines vielgeschossigen Hauses oder Hotels hält, ohne dass ein Knopf gedrückt werden muss, was ja auch an am Schabbat verboten ist. Säkulare Kibbuzniks, die Schweine halten wollen, aber dennoch das Gebot befolgen wollen, keine unreinen Tiere auf dem Boden von Eretz Israel zu halten, bauen einen Holzboden auf Stelzen, auf dem die Schweine leben, essen und Mist machen können, ohne dass das Gebot verletzt wird, das erzählte mir ein jüdischer Freund, der eine Weile in diesem Kibbuz gelebt hat.

Vielleicht ist wegen dieses Improvisationstalents Israel ein Land mit sehr vielen, sehr erfolgreichen Start-ups.



Familie in Israel © 2427999-pixabay.com
Junge israelische Familie © 2427999-pixabay.com

Nicht nur ihr Einfallsreichtum zeichnet die Israelis aus, auch ihre Neugier, die ja ebenso ein Zeichen für Intelligenz sein kann. Bei einem Tankstopp im ländlichen Norden des Landes brachte mich der ältere Tankwart dazu, ihm in den paar Minuten, die das Auffüllen des Tanks und das Bezahlen dauerte, zu erzählen, woher ich komme, ob ich zum ersten Mal in Israel bin, wie mir das Land gefalle, welchen Beruf ich habe, ob ich verheiratet bin und ob ich Kinder habe. Dass ich kinderlos bin, bedauerte er sehr, in Israel ist die Familie das Wichtigste und Kinder gehören unbedingt dazu. Das sieht man auch an den vielen schläfenlockigen ultraorthodoxen Vätern, die in Jerusalem den Kinderwagen mit dem Jüngsten schieben, während die Mama vermutlich zu Hause das Essen vorbereitet. In ultraorthodoxen Familien sind 10, 12 Kinder keine Seltenheit, wie auch in den muslimischen Familien in Israel.

Es wird deshalb angenommen, dass in ein, zwei Generationen die Ultraorthodoxen und die Moslems, die jetzt schon 25 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, in Israel die Mehrheit bilden werden. Aber in Israel kann sich alles auch ganz anders entwickeln – kaum ein Land bietet so viele Überraschungen wie Israel. Um zu verstehen, dass die Familie in Israel, auch die der Liberalen und Säkularen, sehr wichtig ist, muss man aber keine Statistiken studieren. Es genügt, in den Supermarkt zu gehen und zu sehen, welche Unmengen an Essbarem sich da in den Einkaufswagen türmen. Essen ist nun mal die Lieblingsbeschäftigung der Israelis, vor allem an Schabbat, seien sie nun orthodox, liberal oder säkular. Zum Schabbatessen am Freitagabend wird die ganze Familie eingeladen, da kommt schon was zusammen, auch nichtjüdische Gäste sind herzlich willkommen.

Ein Wunder, dass die Israelis in der Regel nicht so dick sind wie etwa viele Amerikaner. Vor allem die jungen Israelis sind meist schlank und aufgrund des Völkergemischs ausgesprochen gutaussehend. Neben den schwarzhaarigen, dunkeläugigen Israelis gibt es auch Blonde mit blauen Augen und viele Rothaarige, immerhin hatte ja auch König David rote Haare! Vielleicht liegt es auch daran, dass die jungen Israelis meist schlank sind, weil sie sich sehr gerne und oft bewegen: Wanderungen gehören in Israel unbedingt zum Freizeitvergnügen, die Wanderwege in ganz Israel sind hervorragend beschildert, und es gibt den großartigen Israel-Trail, einen Wanderweg, der von der libanesischen Grenze im Norden des Landes bis zur ägyptischen Grenze im Süden führt. Ganz sicher spielt es auch eine Rolle, dass alle jungen Israelis, Männer und Frauen, ihren Wehrdienst ableisten müssen, und da wird eben viel marschiert …

Für den Touristen aus Europa ist es vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, überall im Land junge Frauen und junge Männer in Uniform zu sehen, viele mit einer Maschinenpistole. Die jungen Soldatinnen und Soldaten, die so entspannt daherkommen, im Café ein Eis lecken oder einen Kaffee schlürfen, müssten kämpfen, wenn es ernst würde. Denn das Land ist seit seiner Gründung 1948 von Feinden umgeben, es gibt keine Familie, die nicht in einem der vielen Kriege, mit denen das Land überzogen wurde, einen Sohn oder eine Tochter, den Vater oder einen Onkel verloren hätte. Und doch sprüht das Land vor Lebenslust, die Israelis lassen sich nicht unterkriegen, Symbol dafür ist für mein Empfinden der nahtlose Übergang vom Gedenktag für die Gefallenen zum Freudenfest des Unabhängigkeitstages.



Strand Jaffa © Public Domain Picture-pixabay.com
Am Strand von Tel Aviv © Public Domain Picture-pixabay.com

Natürlich wird an diesem Festtag auch gesungen und getanzt. Die Israelis, Junge und Alte, tanzen, so oft es geht: Bei religiösen Feiern und Hochzeiten tanzen zwar Männer und Frauen getrennt, bei weltlichen Geburtstagen oder Hochzeiten oft auch gemeinsam. So auch am Schabbat auf der Strandpromenade in Tel Aviv. Jeder kann sich einreihen, auch die touristischen Gojim, die Nichtjuden, die Schritte des Volkstanzes sind leicht zu lernen und wem die Puste ausgeht, der kann sich genauso leicht – und ohne jemanden zu verärgern – auch wieder aus dem Reigentanz lösen. Wer keine Lust hat zu tanzen, kann am kilometerlangen Strand von Tel Aviv joggen oder sonnenbaden, windsurfen oder das typische laut klackende Ballspiel spielen, wo statt mit Tennisschlägern der Ball mit hölzernen Brettern gekloppt wird. Das Klack-Klack gehört zur Geräuschkulisse an israelischen Stränden. Es soll Touristen geben, die sich von diesem unablässigen Geklacke in ihrem Hotelzimmer ernsthaft gestört fühlen, trotz des wundervollen Blicks auf das Meer zu ihren Füßen.

Doch dass Israel nicht gerade leise ist, das sollte man schon wissen, bevor man sich auf das großartige Abenteuer Israel einlässt. Belohnt wird man auf jeden Fall mit nahezu allgegenwärtiger menschlicher Wärme, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Bevor Sie mich wegen Fehlinformationen verklagen: Natürlich gibt es in Israel, wie in jedem anderen Land, auch Miesepeter und Ekelpakete. Doch glücklicherweise sind sie dort in der Minderheit. Die meisten Israelis sind fröhliche, lebensbejahende Menschen, trotz allem – trotz der Bedrohung von außen, trotz der ungerechten Beurteilung des Landes durch die UNO. Während die Verfolgung von Homosexuellen, die Steinigung von Ehebecherinnen, die Missachtung der Rechte von Frauen in anderen Ländern, vor allem in den muslimischen, von der UNO mit Stillschweigen hingenommen werden, klagt sie Israel immer wieder wegen der verschiedensten aus der Luft gegriffenen „Menschenrechtsverletzungen“ an. Doch nicht nur die UNO, deren Mitgliedsstaaten mehrheitlich muslimisch sind, ist zunehmend israelfeindlich gesonnen. In Europa gewinnt die BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen), die israelische Produkte, Wissenschaftler und Künstler boykottiert, zunehmend an Einfluss. Häufig hört und liest man Verurteilungen Israels, die als „berechtigte Israelkritik“ verkauft werden, aber sehr oft ohne jegliche Fachkenntnis oder eigene Anschauungen daherkommen. Und neueste Statistiken besagen, dass in Deutschland ein Viertel der Bevölkerung latent antisemitisch ist, egal, welches Mäntelchen für diesen Judenhass gerade en vogue ist. Mal sind die Juden zu reich, mal zu arm, mal zu faul und mal zu fleißig, mal zu assimiliert, mal zu geheimbündlerisch – so stellen es drei norwegische Historiker dar in ihrem 2019 erschienenen Buch „Judenhass. Die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart“.

Und immer noch, seit nun fast 2.000 Jahren, sind viele Christen davon überzeugt, dass Jesus „von den Juden“ ermordet wurde. Sie akzeptieren nicht, dass Jesus selbst Jude war, und Maria, die von den Christen verehrte Mutter Gottes, eine fromme Jüdin.

Also, was ist typisch israelisch in diesem Land, in dem neben dem Judentum in vielen unterschiedlichen Formen auch so viele verschiedene Religionen und Gruppen ihren gleichberechtigten Platz haben und zum Teil im Parlament vertreten sind? Moslems, Christen, Bahai, Drusen, Alewiten und Bevölkerungsgruppen wie Beduinen, Tscherkessen und Armenier. Vielleicht ist gerade diese Vielgestaltigkeit, das multikulturelle Zusammenleben dasjenige, was Israel ausmacht, ja, und ganz gewiss auch die Freude am Essen! Man kann in den vielen Restaurants und Imbissbuden jiddisch essen, also zum Beispiel „Gefilte Fisch“ oder Tscholent, aber auch spanisch, griechisch, türkisch, marokkanisch, äthiopisch, jemenitisch, drusisch, oder ein typisch israelisches Gemisch aus alledem, dabei darf Salat aus kleingewürfelten Gurken und Tomaten auf keinen Fall fehlen. Und natürlich Falafel. Wobei heftig gestritten wird, ob Falafel überhaupt israelisch oder nicht doch arabisch ist und vor allem, wo, in welchem Imbiss, in welcher Stadt das beste Falafel zubereitet wird. Eines aber steht für alle Israelis fest:

In Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet und in Tel Aviv gelebt und gefeiert!

(Gretel Rieber)

Jesus und Taube © desi maxwell-pixabay.com
Israel ist die Wiege des Christentums © desi maxwell-pixabay.com

Gewusst?

In 2011 entschied sich ein israelisches Elternpaar dazu, seine neugeborene Tochter „Like“ zu nennen – nach dem allseits bekannten Facebook-Button. Der auf israelischen Briefmarken verwendete Kleber ist koscher. Außerdem haben israelische Forscher entschieden, dass auch Giraffenmilch koscher ist. Israel hat den höchsten Anteil weltweit, was die Nutzung von Sonnenergie zur Erwärmung von Wasser betrifft: 93 Prozent aller Häuser setzen hier auf die Sonne. Zudem hat das Land die höchste Zahl an Museen pro Kopf weltweit, mehr Orchester pro Kopf als jeder andere Staat weltweit, die zweithöchste Rate an neuen Büchern pro Kopf und die Stadt Be’er Scheva hat die höchste Zahl an Schachgroßmeistern pro Kopf weltweit. Kühe in Israel produzieren mehr Milch pro Kuh als in fast jedem anderen Land weltweit, der einzige Konkurrent ist Südkorea. Menschen, die den Schabbat halten, können eine Autoversicherung abschließen, die Samstag nicht abdeckt – daher ist sie günstig. Israel ist weltweit das einzige Land, das denselben Namen hat, sich im selben Land befindet und dieselbe Sprache spricht wie vor 3.000 Jahren. Es ist auch das einzige Land weltweit mit einer Wehrpflicht für Frauen. Das winzige Israel, das man von Ost nach West in zwei Stunden (10 Kilometer) und von Nord nach Süd in neun Tagen (ca. 470 Kilometer) zu Fuß durchqueren kann, liefert fünf Prozent der Blumen der Welt. Es belegt den ersten Platz weltweit in Bezug auf das Überleben von Krebspatienten. Und es hat die meisten künstlichen Befruchtungen pro Kopf weltweit – und zwar kostenlos. Israel ist außerdem das einzige Land, in dem Starbucks scheitern musste, weil die meisten ihren Kaffee am liebsten in israelischen Cafés trinken. Laut einer Klausel in unzähligen Mietverträgen zu Wohnungen in Jerusalem wird der Mietvertrag bei Ankunft des Messias unwirksam und die Mieter müssen sich eine neue Bleibe suchen.

 

Typisch israelisch! ist ein Auszug aus:

Länderklischees
Alle Iren haben rote Haare