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Typisch Spanisch Teil 2

Paar in Tracht © falco-pixabay.com
Spanisches Paar in klassischer Tracht © falco-pixabay.com

Was ist typisch spanisch? II *

Vor etwa 30 Jahren gab es in der Tageszeitung „El País“ einen täglichen Cartoon unter der Unterschrift „El Progré“, der Fortschrittliche. Dort gestand sich der Held der Geschichte ein, er sei zwar wie sein Vater ein „Machista“, doch es unterscheide ihn von seinem alten Herrn, dass er dabei ein schlechtes Gewissen habe. Damals war das Bewusstsein der Überlegenheit des männlichen Geschlechts noch fest verankert. So konnte es geschehen, dass ein Steppke, Freund unseres Sohnes, diesen darauf aufmerksam machte, sein Vater sei eine Frau. Er hatte gesehen, wie ich die Wäsche aufhing.

Einiges hat sich seither zum Besseren gewendet: Frauen sind meist besser ausgebildet, machen die Prädikatsabschlüsse an der Uni und besetzen die Posten, von denen die Männer bisher dachten, sie stünden ihnen von Geschlechts wegen zu. Ich spreche vom akademischen Spanien, in den sogenannten bildungsfernen Milieus hat sich leider wenig getan, da sitzt der spanische Macho bräsig herum und sorgt für erschreckende Statistiken bezüglich häuslicher Gewalt.

Unverändert ist, dass Spanier grundsätzlich meinen, sie könnten alles. So einer braucht keine handwerkliche Berufsausbildung. Maurer, Schreiner, Klempner sind alles angelernte Kräfte, die eines Tages beschließen, eben Maurer, Schreiner, Klempner zu sein. Ob einer gut ist, weiß man erst, nachdem er seine Arbeit abgeliefert hat. Allerdings ist der für sich selbst in Anspruch genommene Stolz dem Können reziprok entgegengesetzt. Wehe, man sagt zu jemandem, der Murks abliefert, er sei ein „chapuzero“.

„La chapuza“, man kann es mit Murks, aber auch mit Durchwursteln übersetzen, wird zu höheren Weihen erhoben, wenn sie zur „chapuza nacional“ ausartet. Der 248 249 Spanier empfindet den Staat als Feind. Nichts darf unterlassen werden, um ihn zu betrügen oder zu hintergehen. Da das staatliche Handeln vom mündigen Bürger durchgängig als Staatsversagen empfunden wird, gibt dies allen das Recht, ja die Pflicht, den Staat und dessen Institutionen auf das Wüsteste zu beschimpfen.



Fußball © juanmaanmazan-pixabay.com
Real Madrid spielt vor ausverkauftem Stadion © juanmaanmazan-pixabay.com

Die ständige Herabwürdigung des eigenen Gemeinwesens sollte man aber tunlichst den Spaniern überlassen, denn stimmt man als Ausländer in diesen Chor ein, sieht man sich urplötzlich einer Phalanx von „stolzen Spaniern“ gegenüber, die beweisen, dass es auf der iberischen Halbinsel das beste Rechtssystem, die schnellsten Straßen, die pünktlichste Bahn, das effizienteste Gesundheitswesen und überhaupt die weltbeste Lebensqualität gäbe. Wobei man zugeben muss, dass sie damit zum Teil durchaus Recht haben.

Es lebt sich gut in Spanien. Man ist fleißig, zum Teil sogar sehr fleißig, aber das ist man nur, um die freie Zeit umso rauschhafter genießen zu können. Aber bitte außerhalb der eigenen vier Wände. Man lädt nicht zu sich nach Hause ein. Spanier treffen sich mit „muchos amigos“, „amigos“ oder „amiguetes in der Bar, im Restaurant, am Strand oder auf einer Wiese im Schatten eines Baumes, um gemeinsam eine Paella zuzubereiten und zu verzehren.

Und der Stierkampf? Er spielt keine besondere Rolle mehr. Immerhin eint er die Spanier sprachlich, denn ob Katalane, Baske oder Mallorquiner – die Sprache der „toros“ ist Spanisch. Nationalsport ist der Fußball. Jeder Spanier ist Fan seines örtlichen Klubs und dann, darüber schwebend, entweder „foforo“ von Real Madrid oder von Barça. Es gibt eine Sportzeitung für die einen und eine zweite für die anderen.

Uhr © (Joenomias) Menno de Jong-pixabay.com
In Spanien gehen die Uhren anders © (Joenomias) Menno de Jong-pixabay.com

Vor Jahren hatte der Springer Verlag versucht, mit dem Boulevardblatt „Claro“ auf dem Zeitungmarkt der Iberer Fuß zu fassen. Eingeweihte wussten von Anfang an, dass das ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen war: „Claro“ berichtete einfach so über Fußball, als sei das eine Sache, der man neutral gegenüberstehen könnte. Spanier glauben, dass ihre Landsleute unzuverlässig und unpünktlich sind. Das führt zu dem, was ich die Paella- Mentalität nenne: Wenn man an einer Strandbude für 14 Uhr eine Paella für zehn bestellt, ist um diese Uhrzeit womöglich der Tisch reserviert. Die Paella selbst hat der Koch noch nicht einmal angefangen. Er weiß ja nicht, ob die Leute wirklich um 14 Uhr kommen und ob es wirklich zehn „comensales“ sein werden.

Das alles ist typisch spanisch. Aber am spanischsten ist die Herzlichkeit, die derjenige spürt, der als Freund aufgenommen worden ist.

(Hans von Rotenhan)



 

Typisch spanisch! II ist ein Auszug aus:

Länderklischees
Alle Iren haben rote Haare