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Prag Reiseführer / Das andere Prag



Libuše (Libussa), die Stammutter der Tschechen. © Hauser - Reisebuch.de

Vyšehrad

Der Vyšehrad (in etwa „Hochburg“) ist ein absolut großartiger Ort. Zu erreichen ist er am besten mit der roten Metro C. Man verlässt die gleichnamige Station und geht dann in der Richtung des Ausgangs einige Meter zu Fuß durch eine Villensiedlung. Und dann erblickt man das alte Gemäuer.

Entstanden ist die Burganlage im 10. Jahrhundert, aber warum, wo es ja doch schon eine Prager Burg gab, das weiß heute keiner mehr. In jedem Falle handelt es sich um einen sagenumwobenen Ort. Prinzessin Libuše zum Beispiel, soll einst hier oben die Vision von der Gründung Prags gehabt haben. 1070 wurde mit dem Bau der St.-Peter- und-Pauls-Kirche begonnen. Freilich wurde sie einige Male umgestaltet, aber das Ambiente im Inneren beeindruckt bis heute. Auf dem angrenzenden Ehrenfriedhof Slavín finden sich die Gräber einiger berühmter Tschechen: Dvořák, Smetana, Mucha, Čapek, Neruda, Němcová… Eine Frau auf einem Grab sieht aus, als würde sie gerade auferstehen. Der Bau des Friedhofs wurde 1862 veranlasst, zur Zeit der Nationalen Wiedergeburt, als der Vyšehrad zu einem Symbol der tschechischen Identität wurde. Smetana verarbeitete den Mythos um den Vyšehrad 1874 in seiner symphonischen Dichtung „Má vlast“ (Mein Vaterland). Auf dem Vyšehrad gibt es immer wieder Neues zu entdecken, auch wenn von der einstigen Burg nur noch ein paar Mauerreste übrig sind. In einem der Häuser befindet sich ein netter, kleiner Laden, der allerlei schöne Dinge verkauft. Man sieht auch die gigantische Brücke, durch die man mit der Metro hierhergekommen ist. Und die vielen kleinen, die über die Moldau führen und ja, das da ganz am Ende, das ist wohl die Karlsbrücke. Man sieht Kirchtürme. Und den Kirchturm des St.-Veits-Doms. Man sieht die Moldau und von unten hört man ganz leise die Stadt atmen: das Quietschen der Trams, die Sirenen der Polizeiautos. Dann läutet es vom Kirchturm her zur vollen Stunde eine Melodie. Man genießt noch einmal den Blick auf die Moldau flussabwärts, im Idealfall ist es gerade Sonnenuntergang, dann muss man sich wieder in die Hektik der Millionenstadt schmeißen.

Das Metronom wurde auf dem Sockel des zerstörten Stalindenkmals errichtet.
© picsforjoo.de

Letná

Zentrales Element der Letná-Ebene ist das Metronom, das hoch über Prag den Takt der Geschichte schlägt. Eine lange Historie hat dieser Ort. Früher stand hier ein gigantisches Stalin-Monument. 1949 wurde begonnen, es zu errichten. Die Bauzeit dauerte fünfeinhalb Jahre. Kurz vor Beendigung der Arbeiten nahm sich der Architekt Otakar Švec das Leben. Nun thronte über der Stadt ein gigantisches Denkmal: Der 15,5 Meter große Stalin, dahinter zwei Reihen mit Vertretern der Arbeiterklassen der Sowjetunion und der Tschechoslowakei, am Ende zwei Soldaten. „Fronta na maso“ wurde das Denkmal von den Pragern genannt, die „Schlange beim Metzger“. Doch die Zeiten änderten sich: Stalin starb, die Periode des „Tauwetters“ in der Politik setzte ein. 1962 wurde das Riesendenkmal in die Luft gejagt. Notdürftig versuchte man, die Sprengung von 17.000 Tonnen Granit vor der Bevölkerung zu verbergen.

1990: Papst Johannes Paul II. hält auf der Letná-Ebene seine erste Messe in der Tschechoslowakei. Im Strahov-Stadion, dem damals größten Stadion der Welt, spielen die Rolling Stones, gute Bekannte von Václav Havel. „Tanks are rolling out, the Stones are rolling in“, heißt der Slogan des Konzerts und wo einst über der Stadt das Stalin-Denkmal stand, thront nun eine riesige knallbunte Zunge. Aus dem Sockel des Denkmals sendet der Piratensender Radio Stalin, doch nach einigen Tagen wird die Sendeanlage von der Polizei beschlagnahmt. Es gibt eine Petition gegen das Monopol des staatlichen Rundfunks und schon kurz darauf werden die Gesetze umgeschrieben: Aus „Radio Stalin“ wird „Radio 1“, der erste private Rundfunksender der Tschechoslowakei.

Heute ist das ehemalige Fundament einer der beliebtesten Spots für die Prager Skater-Szene. Vom Metronom aus hat man einen sensationellen Blick über die „Stadt der hundert Türme“. Im Sommer genießt man ihn am besten mit einem kühlen Bier, welches man zum äußerst fairen Preis im Plastikbecher von der Selbstbedienungsbar Stalin bekommt, die sich in den Katakomben befindet. Ab und an spielt ein DJ, und man kann sich vom Straßenfriseur die Haare schneiden oder sich rasieren lassen, während man seine Gedanken über die Dächer der Stadt fliegen lässt. Auf den Klappstühlen der Bar treffen die jungen Prager auf junge Reisende.

Geht man – vom Fluss aus gesehen – etwas nach rechts durch den Park, kommt man zu einem Platz, von wo aus man eine etwas andere Perspektive hat und wo es noch einen weiteren netten Selbstbedienungsbiergarten mit guter Bier- und Schnapsauswahl gibt.



Das Reiterstandbild von Jan Žižka auf dem Veitsberg ist 9 m hoch und 16,5 Tonnen schwer.
© 8084625_Pixabay.com

Vítkov

Auf dem Hügel Vítkov (Sankt Veitsberg) steht ein eindrucksvoller Granitklotz, der unter anderem einst das Mausoleum von Klement Gottwald beherbergte, der nach dem Zweiten Weltkrieg stalinistischer Herrscher der Tschechoslowakei wurde.

Heute ist der Klotz ein Nationaldenkmal und im Gebäude befindet sich die sehenswerte Ausstellung „Kreuzungen tschechischer und tschechoslowakischer Staatlichkeit“, in der die bedeutenden Umbrüche im 20. Jahrhundert behandelt werden. Die Dachterrasse beherbergt ein Café, von wo aus man einen großartigen Blick genießt.

Vor dem Nationaldenkmal steht eine der größten Reiterstatuen der Welt. Dargestellt ist der einäugige hussitische Heerführer Jan Žižka. Nach ihm ist auch das Viertel Žižkov, auf das man von hier einen großartigen Blick genießt, benannt.

Wer noch im Hinterkopf hat, dass 2005 im tschechischen Fernsehen Karl IV. zum größten Tschechen gekrönt wurde, der sollte aufhorchen: Eigentlich erklomm jemand anderes den Thron: Jára Cimrman. Das Geburtsdatum Cimrmans ist heute umstritten, am plausibelsten erscheint die Jahreszahl 1884. Sein Wirken und Schaffen ist noch heute allerorts auf der Welt spürbar. Er war es, der der amerikanischen Regierung den Bau des Panamakanals vorschlug. Er reformierte das galizische Schulsystem, half bei der Konstruktion des ersten Zeppelins und gründete ein Puppentheater in Paraguay. Er stand Edison bei der Glühbirnenerfindung zur Seite und er erfand den Joghurt. Neben all dem hat Cimrman auch ein beeindruckendes Dramen-Oeuvre erschaffen. Heute werden seine Werke im Divadlo Járy Cimrmana in Prag-Žižkov aufgeführt. Vor den Stücken gibt es stets eine kurze Einführung zur Person Jára Cimrmans und seinen Erfindungen.

Ein geradezu unglaublicher Lebenslauf… Und tatsächlich: Cimrman ist eine Erfindung der drei Theatermänner Ladislav Smoljak, Jiří Šebánek und Zdeněk Svěrák aus dem Jahre 1966. Als die ČTZuschauer 2005 Cimrman wählten, schaltete sich die BBC als Lizenzgeber der Sendung ein und erklärte, ein fiktiver Charakter könne nicht gewinnen. Cimrman wurde disqualifiziert, die Empörung war groß. Dennoch wird Cimrman nach wie vor in Tschechien gefeiert. Einige Straßen sind nach ihm benannt und 1996 erhielt gar ein Asteroid seinen Namen: (7796) Járacimrman fliegt seitdem zwischen Mars und Jupiter umher.



Die Babyskulpturen am Žižkov-Turm.
© jamesqube - Pixabay.com

Divoká Šárka

Hält man einen City-Trip nicht ohne sportliche Betätigung und Natur aus, so lohnt sich ein Ausflug zum Divoká-Šárka-Tal, etwas abseits im Nordwesten der Stadt. Hierher kommen die Prager zum Joggen und Radfahren. Fühlt man sich nach dem Ausflug zu gesund, kann man direkt das Burgerlokal an der Endhaltestelle der Tram besuchen. Bemerkenswert: In tschechischen McDonald’s gilt kein Alkoholverbot wie in Deutschland und so ist es möglich, ein Pilsner Urquell in der 0,33l-Dose zu bekommen. Prost!

Der Fernsehturm im Stadtteil Žižkov ist mit 216 Metern nicht nur das höchste, sondern auch das wohl umstrittenste Gebäude der Hauptstadt. Love it or hate it. Schon der Weg zum Turm lohnt sich – Žižkov ist nicht mehr das graue Arbeiterviertel, sondern eine gefragte Wohn- und Feiergegend. Zwischen den Häusern blitzt immer wieder die Spitze des Turmes hervor, doch was ist das denn…? Sind das etwa…? Ja. Es sind gigantische Babyskulpturen, die am Žižkov-Turm rauf und runter klettern. Dort hingehängt hat sie ein Künstler, dessen Name hier nun schon einmal auftauchte (beim Trabbi auf Beinen in der Prager Botschaft): David Černý.

Von der Aussichtsplattform in 93 Metern Höhe aus hat man eine ganz neue Perspektive auf die Stadt. Man blickt in die umliegenden Hinterhöfe und der St.-Veits-Dom sieht auf einmal gar nicht mehr so groß aus. Wer keine Lust hat, sechs Euro für den Eintritt auf einen Turm zu zahlen, dem sei das Restaurant in 66 Metern Höhe empfohlen. Für weniger Geld bekommt man hier zum Ausblick noch ein Getränk dazu. Wenn man sich am Blick auf die Stadt nicht sattsehen kann, sollte man sich für etliche Kronen die Nacht im „One-Room- Hotel“ in 70 Metern Höhe einbuchen.

 

Střelecký ostrov

Die Střelecký ostrov (Schützeninsel) ist einen Besuch wert, wenn die ersten Frühblüher aus der Erde schießen, wenn die Sonne gleißend heiß brennt, wenn das Laub am Boden raschelt und auch, wenn der erste Schnee gefallen ist. Ein Ort der Ruhe inmitten der Innenstadt und inmitten der Moldau. Es gibt einen Kinderspielplatz, im Sommer viel Livemusik und von der Spitze der Insel eine Perspektive auf die Karlsbrücke, wie man sie sonst von nirgends aus hat. Die Kehrseite der Sauberkeit und Schönheit auf der Insel ist, dass es ein Alkoholverbot gibt und das Betreten ab den späten Abendstunden verboten ist – der Wachdienst sorgt für die Umsetzung der Regeln. Wenn die Saison eröffnet ist, lohnt es sich, sich an der Slovanský-Insel (eine Insel weiter im Süden) ein Tretboot auszuleihen und damit an das Schiff, was in den Sommermonaten an der Střelecký ostrov vor Anker liegt, anzudocken. Auf ihm gibt es einen netten Biergarten, wo es neben Kaltgetränken – sollten sie alkoholisch sein, dürfen sie wegen des Alkoholverbots auf der Insel nur an Deck konsumiert werden – die gängigen deftigen Gerichte gibt. Zum Beispiel klobása (eine etwas würzigere geräucherte Bratwurst), aber auch halušky (das slowakische Nationalgericht). Und wenn man Glück hat, reicht einem die Bedienung ein Bier direkt ins Tretboot hinunter und man kann gleich weiterschippern. Mitten in der Moldau mit einem kalten Bier in der Hand der Sonne entgegen – was gibt es Schöneres?