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Mallorquiner, Ausländer und Touristen

Die touristische Invasion auf Mallorca

Mehr als sieben Millionen ausländische Urlauber kommen durchschnittlich im Jahr nach Mallorca, von denen sich bis zu 350.000 gleichzeitig dort aufhalten. Eine solche touristische Invasion wirkt auf viele Einheimische wie die Besetzung durch fremde Armeen. Und Besatzer lieben die Insulaner gar nicht, die haben sie im Laufe ihrer Geschichte schon reichlich erlebt.

Stolz und Ehre und andere Unterschiede

Stolz, Ehre und Würde spielen im Gefühlsleben der Spanier eine viel wichtigere Rolle als bei uns. Spanier empfinden es nach wie vor als unwürdig, wenn Touristen in kurzen Shorts und nacktem Oberkörper oder Frauen im Strandoutfit durch Palma bummeln, derart leicht bekleidet in Lokalen Platz nehmen oder sogar Anstalten machen, etwa die Kathedrale und den alten Königspalast Almudaina zu besichtigen.
Die Mallorquiner bemühen sich zwar, unangemessene Verhaltensweisen dieser und anderer Art zu »übersehen«, aber man merkt ihnen oft genug schon an, wie sie würdelose forasters (Ausländer) einschätzen. Es steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Außerdem werden seit 2014 offensichtliche Verstöße gegen die "guten Sitten" und gegen die Bekleidungsordnung mit saftigen Bußgeldern belegt.

Temperament der Mallorquiner

»Mallorquiner sind von ihrem Temperament her ungefähr so weit vom Stereotypen Bild des feurigen Spaniers entfernt wie wir selbst. Durch den intensiven Kontakt mit Besuchern aus aller Herren Länder ist in wenigen Jahrzehnten aus einer rückständigen, traditionsbewussten Provinzregion Spaniens ein Stück Mitteleuropa mit hohem Lebensstandard geworden. Die spontane Verbrüderung mit Unbekannten gehört daher auch nicht gerade zu den typisch mallorquinischen Verhaltensweisen.

Emotionaler Zwiespalt

Tatsächlich ist das Verhältnis der Mallorquiner zu den Besuchern zwiespältig. Einerseits widerspricht die touristische Invasion ihren Vorstellungen, und das Verhalten mancher Urlauber und Residenten beleidigt ihren Stolz. Andererseits ist das Geld der Ausländer in der aktuellen wirtschaftlichen Situation hochwillkommen.

Die Balearen verfügten lange über das höchste Sozialprodukt pro Kopf und die niedrigste Arbeitslosenquote aller spanischen Provinzen. Doch das ist vorbei: Die globale Finanzkrise und der Strukturwandel der letzten Jahre haben für leere Staatskassen und eine selbst auf Mallorca hohe Arbeitslosenquote gesorgt. Umso mehr kommt es auf den Tourismus an, will die Insel ihren immer noch relativ hohen Wohlstand halten. Die meisten Mallorquiner wissen das, verdrängen diese Tatsache aber gerne.

Sprachbarriere Mallorquinisch

Obwohl Kastilisch (Castellano), das Hochspanische, und Mallorquinisch (Mallorquí, ein Dialekt des Catalán) gleichberechtigte Amtssprachen sind, erfolgen offizielle Bekanntmachungen der Inselregierung überwiegend in Catalán. Dasselbe gilt auch für amtliche Formulare mit der Folge, dass selbst Festlandspanier bei Behördengängen nicht selten Übersetzungshilfen benötigen.

Dem Mallorquinischen begegnen Besucher unweigerlich schon auf dem Flughafen Son San Joán, wo Hinweisschilder vor Englisch und Spanisch und nun auch Deutsch in der lokalen Sprache beschriftet sind, die von nicht einmal 400.000 Menschen gesprochen wird (Die Zahl bezieht sich nur auf die Mallorquinisch sprechenden. Katalanisch ist die »Muttersprache« von ca. 5 Millionen Menschen.).

Auch die Namen der Orte und Straßen wurden vom Hochspanischen ins Mallorquinische überführt, so heißen alle Hafenstädte nun Port und nicht mehr Puerto (z.B. Port de Sóller). Und bei den Straßen hat das katalanische Carrer das spanische Calle ersetzt.

Mit der Bevorzugung der eigenen Sprache betont man ganz bewusst die vor allem in der Franco-Zeit unterdrückte Eigenständigkeit der Balearen. Im Inselinneren kann es schon mal vorkommen, dass Sie ein Mallorquiner nicht verstehen will, wenn Sie ihn auf Spanisch ansprechen. Dies stand durchaus in Einklang mit der Position der Balearenregierungen bis 2011, die ausländischen Residenten gerne empfahl, doch gefälligst Mallorquinisch zu lernen. Mallorca sei eben autonome Provinz und erst in zweiter Linie Spanien, hieß es. Dass diese Position in der Bevölkerung umstritten ist, zeigten in den letzten Jahren einige »anti-katalanische« Groß-Demonstrationen in Palma. Es sind vor allem viele zugezogene Festlandspanier, die sich und ihre Kinder durch Überbetonung des Katalanischen ausgegrenzt fühlen. Tatsächlich hat die 2011 gewählte konservative Regierung zugesagt, »katalanische Übertreibungen« zu stoppen und das Spanische nicht zu diskriminieren.

Vom Billigtourismus zum Golferparadies?

Das zwiespältige Verhältnis der Mallorquiner zum Tourismus zeigt auch folgender Umstand: Obwohl der heute in mallorquinischen Medien gerne abqualifizierte »Billigtourismus« über viele Jahre für das Gros der Einnahmen sorgte und immer noch sorgt, will man davon offiziell wenig wissen. Neue Planungen und Vorschriften sollen das Mengenwachstum des Tourismus` begrenzen bzw. sogar zurückfahren und über ein »qualitatives Wachstum« das Niveau anheben, d.h. die Einnahmen je Besucher erhöhen. So dürfen neue Hotels nur dann gebaut werden, wenn alte dafür abgerissen werden und mindesterns Vier-Sterne-Komfort bieten.

Die Geister, die man einst rief und die nach Ansicht vieler immer noch ihr Unwesen – z.B. am »Ex-Ballermann« und in Magaluf – treiben, möchte man am liebsten ganz loswerden. Sie passen nicht zum heute angestrebten Image der Insel. Stattdessen werden Golfer, wandernde Individual- und Kreuzfahrttouristen umworben, die pro Tag ein Mehrfaches von dem ausgeben, was Pauschaltouristen auf der Insel lassen.

All inclusive

Gleichzeitig hat sich – als Folge der relativ hohen Preise bei den Nebenkosten des Urlaubs – das All-inclusive-Konzept in vielen Touristenhochburgen in erstaunlichem Tempo durchgesetzt.
Mit All-inclusive erreicht man die Masse der weniger ausgabefreudigen oder -fähigen Touristen und sorgt für eine hohe Auslastung von Kapazitäten, die sonst nur schwer zu füllen wären. Der Vorteil für die Gäste liegt in von vornherein klar überschaubaren Gesamtkosten der Reise, ein wichtiger Aspekt vor allem für Familien mit Kindern. Problematisch ist, dass All-inclusive zu sinkenden Umsätzen bei Einzelhandel, Gastronomie und oft auch Dienstleistern wie Fahrradvermietern, Surf- und Segelkursanbietern führt.

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